BUCHVORSTELLUNG

Geschichte des Grafikdesigns.
Band 2, 1960 bis heute

Bereits 2017 veröffentlicht der Taschen Verlag den ersten Band der Geschichte des Grafikdesigns. Ende letzten Jahres folgt dann der zweite Band, welcher die umfassendste Erforschung des Grafikdesigns von 1960 bis 2018 vervollständigt. Der Autor Jens Müller und der Herausgeber Julius Wiedemann zeigen auf 480 Seiten rund 3.500 grafische Entwürfe anhand eines Zeitstrahls und gehen dabei auf circa 80 Entwürfe detailliert ein.
Das Buch ist dreisprachig aufgebaut: englisch, deutsch und französisch.

“Betrat man Mitte der 1980er Jahre ein Designbüro und dann erst wieder zehn Jahre später, erhielt man beim zweiten Besuch den Eindruck eines völlig neuen Berufs.“ schreibt der Grafiker Jens Müller zu Anfang seiner „Geschichte des Grafikdesigns“. Nachdem Müller im ersten Band auf die Jahre eingeht in der Grafikdesign überhaupt erst zum Beruf wird, geht er im zweiten Band auf die grundlegende Wandlung des Berufsfeldes ein. Durch die technische Weiterentwicklung, die digitale Revolution und die digitale Veränderung der Wirtschaft seit Ende der 1980er Jahre, ändern sich die Aufgabenfelder und die Herausforderungen eines Grafikdesigners schnell. Doch die Hauptfunktion von Grafikdesign bleibt gleich: die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zu ziehen, um Botschaften oder Informationen zu transportieren.

Zu den klassischen Printmedien wie Bücher, Flyer, Plakate und Magazine, erweitert sich das Aufgabenspektrum eines/einer Gestalters/Gestalterin: elektronische Medien rücken in den Fokus. Heute sind mobile Apps, welche stets auf dem neusten Stand sind, unverzichtbar. Für alles gibt es Webseiten, die wenigsten Unternehmen haben heute keine Online-Präsenz. Das Grafikdesign oder auch Mediengestaltung genannt, hat für jeden Bereich in unserem Leben einen Platz. Nichts ist mehr „undesigned“ oder gar auf grafische Formen beschränkt, es wird auf neue Bereiche hingestrebt.

Weitere Tätigkeiten aus dem Berufsfeld eines/einer Mediengestalters/Mediengestalterin sind Typografie, Illustration, Fotografie, Werbung, Branding usw. Selbstverständlich sollte alles immer up to date sein und den aktuellen Trends entsprechen, was wiederum in unserer schnelllebigen Zeit nicht einfach scheint. 
Im Buch wird jedes Jahrzehnt chronologisch einzeln vorgestellt. Dabei werden kulturelle, gesellschaftliche und politische Entwicklungen aufgeführt. Die präsentierten Entwürfe werden in einer Zeittafel sortiert, um eine nachvollziehbare Entwicklung darzustellen.

Zusätzlich werden Meilensteine des Designs anhand eines Zeitstrahls aufgeführt. So startet das Buch 1960 unter anderem mit Willy Fleckhaus, der zu dieser Zeit einer der einflussreichsten deutschen Designer ist. Er ist Mitbegründer und Gestalter der Zeitschrift „twen“, die zu dieser Zeit zum Sprachrohr einer ganzen Generation wird. Fleckhaus gestaltet die Hefte mit markant schwarzen Covern und radikal modernen Layouts. Das twen wird so zum Vorreiter moderner Magazingestaltung. Überfliegt man im Buch die nächsten Seiten, erkennt man schnell, dass bereits im gleichen Jahrzehnt alles experimenteller, wilder und bunter wird. Die Achtziger bringen neue technische Möglichkeiten und Regeln wie „don’t play with the Logo“ werden ausgeblendet.

MTV brennt sich zu der Zeit mit diversen animierten Varianten ihres Logos in alle Köpfe. Dazu sind vermehrt Poster zu sehen auf denen gleichzeitig mit verschiedensten Medien gearbeitet wird. 2000 bis 2010 geht der Trend wiederum ins Minimalistische: BVD, eine preisgekrönte schwedische Designagentur fällt besonders durch ihre Schlichtheit von Branding und Firmensignets auf. Sie stecken unter anderem hinter den ChariTea und Lemonaid Flaschen, die es in vielen modernen Restaurants gibt. Bis 2018 ist eine Menge Veränderung zu beobachten, aber auch, dass Trends zurück kommen und sich Designer teilweise von alten Werken inspirieren lassen.
Von den circa 3.500 Entwürfen werden 80 näher von Müller und Wiedemann unter die Lupe genommen: beispielsweise ist die Neugestaltung des Lufthansa-Logos in den sechziger Jahren von Otl Aicher anhand von Bildern zu verfolgen. Aicher hat als unterrichtender Designer an der Hochschule für Gestaltung in Ulm mit seinen Studenten eine umfassende Studie entwickelt, die bis heute das damals entwickelte Konzept als Grundlage der Marke dient.

Zu den jeweiligen Jahren werden Biografien bekannter und wichtiger Designer/innen vorgestellt, wie zum Beispiel Paula Scher (1948, Washington, D.C.), die für die CI der Citibank verantwortlich ist, an mehreren Universitäten unterrichtet und 1991 als erste Frau die Designfirma Pentagram leitet.

Ich kann diese Sammlung definitiv jedem empfehlen, denn die Werbeindustrie durchdringt mit all ihren Bild- und Textwelten nahezu alle Lebensbereiche. Selbst wer behauptet „Ich habe mit Werbung nichts am Hut“ nimmt ohnehin täglich, auch unbewusst, an dieser Welt teil. Als Grafikdesigner/in kann man sich fantastisch von den Entwürfen inspirieren lassen. Der Taschen Verlag liefert ein XL-Buch, was äußerlich sowie inhaltlich anspruchsvoll ist und mit einem Preis von 50 € meiner Meinung nach schon fast ein Schnäppchen ist.

(Text: Marielle Kühlmann, STUDIO EGOTRIPS©, Münster)
HERRAUSGEBER

Jens Müller
Julius Wiedemann

Umschlag: Hardcover
Format: 24,6 x 37,2 cm
Seitenzahl: 480 Seiten

Erhältlich bei

Bildnachweise: © TASCHEN